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Technikkommunikation

Aufgeschlossenheit für neue Technologien braucht den Dialog

Innovationen können nur dann entstehen, wenn die Menschen ihnen gegenüber aufgeschlossen sind. Verordnen lässt sich Technikaufgeschlossenheit nicht – aber sie lässt sich fördern. Etwa durch den Dialog mit der Gesellschaft zu technologischen Neuentwicklungen und innovativen Technologien. Technikkommunikation muss in diesem Sinne verständlich und sachlich informieren, auf Interessen und Werte, Ängste und Befürchtungen eingehen, Risiken, Einsatzgebiete und Grenzen ausloten. Das kann auch der Scheu vor Neuem, Riskantem, Ungewöhnlichem entgegenwirken. Dabei spielen auch die veränderte Medienlandschaft und die immer stärker genutzten Social-Media-Kanäle eine entscheidende Rolle.

acatech setzt sich mit Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Technikkommunikation kritisch auseinander, formuliert Handlungsoptionen und entwickelt vielfältige Dialogformate. Das Ziel: ein konstruktiver Dialog von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit zu aktuellen Technologiethemen.  

Social Media und digitale Wissenschaftskommunikation

Ein Fazit: Die Wissenschaftskommunikation ist auch in Zukunft auf unabhängige, qualitätsvolle und kritische Medien angewiesen. Deren Rolle in der Wissenschaftskommunikation lässt sich nicht durch selbstgenerierte Inhalte in sozialen Medien ersetzen. Das Wechselverhältnis von Wissenschaft und Medien ist schon im Grundgesetz angelegt: Die Freiheit der Medien und die Freiheit der Wissenschaft sind zentrale Eckpfeiler unserer Demokratie. Vieles spricht dafür, unabhängigen Journalismus nicht nur wichtig zu nehmen, sondern auch finanziell zu unterstützen – unter Wahrung seiner Unabhängigkeit. Beispielsweise könnte der Journalismus öffentliche Fördermittel in Selbstverwaltung einsetzen, wie es die Wissenschaft bereits tut.

Auch innerhalb der Wissenschaft braucht es eine Qualitätsdebatte um die Wissenschaftskommunikation. Diese sollte stärker als Leistung anerkannt werden, doch sie darf nicht Journalismus durch Eigenwerbung ersetzen. Des Weiteren sollte sie Wissenschaft kommunizieren – und nicht die eigene Wissenschaftseinrichtung bewerben. Mit Blick auf die social media insgesamt sprechen sich die Wissenschaftsakademien für Regulierungen aus: Widerrechtliche Inhalte müssen möglichst schnell gelöscht werden, anderseits muss die Vielfalt gewahrt bleiben. Die Abschlussveranstaltung des Projekts fand am 28. Juni 2017 in Berlin statt (ein Video findet sich auf der Projektseite). In der gleichen Woche wurde das Netzdurchsetzungsgesetz zur Eindämmung von Hasskommentaren im Internet verabschiedet.

TechnikRadar – Was denken die Deutschen über Technik?

Dieser Frage geht acatech gemeinsam mit der Körber-Stiftung im Projekt „TechnikRadar nach. Im Rahmen des TechnikRadars werden Bürgerinnen und Bürger regelmäßig und repräsentativ befragt zu Einstellungen, Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen und Bedarfen im Hinblick auf neue Technologien. Die Auswertung soll nicht nur beleuchten, wie Menschen unterschiedliche Technologien einschätzen, befürworten oder ablehnen. Sie soll auch zeigen, wie allgemeine Werte und Einstellungen das Urteil über Technologien beeinflussen. Die regelmäßigen, ein- bis zweijährlichen Erhebungen sollen gesellschaftliche Entwicklungen über Jahre hinweg sichtbar machen.

Technik innovativ kommunizieren – neue Diskussionsformate

Wie lassen sich Fachthemen in den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft adäquat integrieren? In diese Debatte bringt sich acatech ein am Beispiel der Chemie. Wie sich die Kluft zwischen Ansehen und Stellenwert der Chemie überbrücken lässt, war eine Frage der gemeinsamen Tagung von acatech und der Gesellschaft Deutscher Chemiker im Deutschen Museum. Ergebnisse wurden auch im Rahmen des Symposiums „Experiment Zukunft – Wertedenken in der Chemie“ im September 2017 in Berlin vorgestellt. „Die Chemie und ihre Vorläufer wurden zu allen Zeiten als Teufelswerk kritisiert“, erläuterte der Chemiker und Philosoph Joachim Schummer. Nach den Worten von Thomas Geelhaar, ehemaliger Sprecher der Chemie-Forschung bei Merck sowie früherer GDCh-Präsident, und Marc-Denis Weitze, Leiter des acatech Themenschwerpunkts Technikkommunikation, genießt die Chemie heute eine größere Akzeptanz als noch vor 20 Jahren. Dennoch sei der gesellschaftliche Dialog über Chemie angesichts ihrer Bedeutung von enormer Wichtigkeit.

Auf den Deutschen Biotechnologietagen im April 2017 in Hannover stellte acatech Befunde und Positionen zur Technikkommunikation vor: Die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien sollten in einem umfassenden Dialog-Prozess gestaltet werden. Im Mittelpunkt eines solchen Dialogs stehen unterschiedliche Interessen und Werte einerseits sowie technische und wissenschaftliche Möglichkeiten andererseits. Auch auf dem SynBio-Day des „international Genetically Engineered Machine (iGEM)“-Studentenwettbewerbs präsentierte Marc-Denis Weitze Aspekte der Wissenschaftskommunikation und stützte sich dabei auf den acatech IMPULS „Technik gemeinsam gestalten“.

Künstliche Fotosynthese: Forschungsstand und Technikzukünfte

Künstliche Fotosynthese ist eine viel versprechende regenerative Energiequelle. Nach dem Vorbild der Pflanzen erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Verfahren, die Sonnenlicht in Energieträger oder Rohstoffe umwandeln. Besonders attraktiv ist der Forschungsansatz, weil die Künstliche Fotosynthese erneuerbare Energie stofflich speichert und damit eine stabilisierende erneuerbare Energiequelle darstellen kann.

In einem gemeinsamen Akademienprojekt von acatech, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften arbeiten 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an einer Stellungnahme. Diese erörtert den Forschungsstand, wissenschaftlich-technische Herausforderungen und Technikzukünfte. Sie arbeitet unterschiedliche Forschungsansätze heraus und identifiziert den konkreten Forschungsbedarf auf dem Weg zu einer Nutzbarkeit bis 2050. Ergebnisse werden Mitte 2018 veröffentlicht.

Projektleiter Matthias Beller stellte am 13. September 2017 auf dem Wissenschaftsforum der Gesellschaft Deutscher Chemiker in Berlin den Arbeitsstand vor: Künstliche Fotosynthese werde sehr wahrscheinlich ein wesentlicher Baustein einer regenerativen Energieversorgung.

Bewertungskriterien und Berufungen in den Technikwissenschaften

Der Transfer zwischen Forschung und Praxis gehört zu den Grundvoraussetzungen leistungsfähiger Innovationssysteme. In diesem Zusammenhang arbeitete die Akademie 2017 an zwei Positionen: Zum einen stehen „Qualitätskriterien in den Technikwissenschaften“ im Mittelpunkt. Zum anderen formuliert acatech Analysen und Empfehlungen zu „Berufungen in den Technikwissenschaften“. Hier stehen insbesondere Berufungen praxiserfahrener Professoren im Zentrum, die immer seltener werden. Beide acatech Positionspapiere entstehen im Projekt „Bewertungskriterien für die Technikwissenschaften und Berufungen in den Technikwissenschaften“. Ein Workshop von acatech und TU Berlin beleuchtete im Juli 2017 das Thema „Wissenstransfer zwischen Industrie und Universität“. acatech Präsident Dieter Spath verwies auf die enge Verbindung zwischen dem Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und der Innovationsfähigkeit.

Der Workshop zeigte: Der Technologietransfer von der Universität in die Industrie ist gut erforscht, nicht jedoch der umgekehrte Transfer zwischen Industrie und Universität. Allerdings können Informationen über die praktische Bewährung wissenschaftlicher Aussagen in der wirtschaftlichen Anwendung technikwissenschaftliche Modelle anreichern. acatech Präsident Dieter Spath führte in diesem Zusammenhang aus, dass zwischen Universität und Industrie eine symbiotische Beziehung bestehe: Beide profitieren voneinander und sind aufeinander angewiesen. Vielfältige Fallbeispiele zeigten: Häufig entstehen aus Industrieprojekten erst Fragestellungen der Grundlagenforschung.

Innovatorisches Scheitern als Regelfall?

Über das Scheitern offen sprechen: Dies war das Anliegen eines Workshops im Mai 2017. Der Workshop „Innovatorisches Scheitern als Regelfall?“ entstand in Zusammenarbeit des acatech Arbeitskreises „Grundfragen der Technikwissenschaften“, des Historischen Instituts der Universität Stuttgart und des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart (IZKT). Die Tabuisierung des Scheiterns führt zu einem unproduktiven Umgang mit Misserfolg. Gerade die Analyse des Scheiterns lege auch Gründe für den Erfolg von Innovationen und neue Ansatzpunkte offen. Eine Gesellschaft, die auf Innovationen angewiesen ist, braucht deshalb eine offene „Kultur des Scheiterns“. Sie sollte Scheitern als wertvollen, produktiven Teil des Innovationsprozesses anerkennen.

Gesellschaftlicher Dialog in München

Mit „acatech am Dienstag“ lädt acatech die interessierte Öffentlichkeit ins acatech Forum am Karolinenplatz in München ein. Aktuelle Technikthemen stehen im Mittelpunkt der Diskussionen. Ob Ernährung der Zukunft, 3D-Druck, Epigenetik oder Biokunststoffe: Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft stellen sich den Fragen der Gäste. Dabei kooperiert acatech themenbezogen mit verschiedenen Partnern wie etwa dem VDI, der Katholischen Akademie in Bayern oder dem World Food Programme. Ein Rückblick auf vergangene Veranstaltungen sowie kommende Termine finden sich unter acatech am Dienstag.

Über Nachhaltigkeit und Wertedenken diskutierten Experten und Expertinnen bei acatech am Dienstag am 14. November 2017 in München. V.l.n.r.: Klaus Mainzer (TU München, acatech), Friedrich Barth (International Sustainable Chemistry Collaborative Center ISC3), Steffi Ober (Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende, Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V.), Thisbe K. Lindhorst (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Präsidentin Gesellschaft Deutscher Chemiker), Klaus Griesar (Merck KGaA) und Marc-Denis Weitze (acatech).


Im „Digitalen Salon“ erörtert acatech gemeinsam mit der Katholischen Akademie in Bayern Auswirkungen der Digitalisierung. Kurz vor der Bundestagswahl ging es um die Fragen, ob sich mit Social Bots Wahlen manipulieren lassen und wie sich eine Demokratie gegenüber Meinungsrobotern schützen kann. Klaus-Dieter Altmeppen (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt), Tabea Wilke von botswatch (Berlin) und Andreas Hotho (Universität Würzburg) erläuterten die Meinungsmacht der Algorithmen und ihre Grenzen.

Die unterschiedlichen Wissenskulturen der Technikwissenschaften und der Theologie zusammenbringen und dabei kreative Ansätze zum verantwortungsvollen Umgang mit technischen Innovationen diskutieren: das ist eines der Ziele der Dialogreihe „Innovation und Verantwortung“. Im März und im Oktober 2017 luden acatech, die Evangelische Akademie Tutzing und das Institut für Technik-Theologie-Naturwissenschaften zum Dialog nach Tutzing ein. Vertreter unterschiedlicher Wissenskulturen diskutierten dort die Themen „Energiewende“ und „Genome Editing“.

Zum vierten Male fand 2017 die Lernwerkstatt Technikkommunikation statt, die acatech gemeinsam mit „Wissenschaft im Dialog“ im Deutschen Museum veranstaltet: Wie sollte Kommunikation zu neuen Technologien zum Beispiel im Bereich der Nano- oder Biotechnologie ablaufen? Welcher Kommunikations- und Partizipationsmaßnahmen bedarf es, wenn es um die Erforschung der Energiesysteme der Zukunft geht? Diesen und weiteren Fragen gehen Nachwuchskräfte aus der Wissenschaftskommunikation, Nachwuchsjournalisten und an Kommunikation interessierte Nachwuchswissenschaftlern nach. Mit der jährlich stattfindenden Lernwerkstatt soll die Technikkommunikation gestärkt werden, deren Bedeutung und Stellung innerhalb der Wissenschaftskommunikation bisher kaum gesondert betrachtet wurde.

Im November 2017 luden acatech und die Bayerische Akademie der Wissenschaften zum Science Slam im Münchner Wirtshaus ein. In kurzen, anschaulichen Vorträgen präsentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschung und visionäre Ideen rund um das Thema Zukunftspläne. Den Publikumspreis erhält dabei nicht das beste Forschungsprojekt, er wird auch für die beste Performance verliehen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Chemiker und Poetry Slam-Pionier Jaromir Konecny, der das Format seit vier Jahren mit den Akademien entwickelt. Am Ende fiel dem Publikum die Entscheidung so schwer, dass es sich für gleich zwei Sieger entschied: Béla Frohn, der aus medizinischer Sicht über ewiges Leben slammte, und Christoph Wiedmer, der mit Geschichten über Geruchsstoffe in Spielzeugen begeisterte. 

Der Siegerpreis beim Akademien-Slam ging an Béla Frohn (Student an den Münchner Universitäten, vorne links), der aus medizinischer Sicht über ewiges Leben slammte, und Christoph Wiedmer (Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV in München-Freising, vorne Mitte), der mit Geschichten über Geruchsstoffe in Spielzeugen glänzte. Rechts: Moderator Jaromir Konecny.


In Kooperation mit der Münchner Volkshochschule lädt acatech seit 2017 zu öffentlichen Dialogveranstaltungen. Auf der ersten Veranstaltung im Dezember 2017 zum Thema Bioökonomie diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Forstwissenschaftler Klaus Richter, der Umweltwissenschaftlerin Carmen Priefer und dem Experten für Umweltethik Franz-Theodor Gottwald.

Mit dem Schülerwettbewerb TECHNIKENTDECKER zeichneten acatech und die Zeidler-Forschungs-Stiftung 2017 erneut Schülerteams aus. Schülerinnen und Schüler erkundeten Technologien vor der eigenen Haustür. In kurzen, kreativen Filmen stellten sie technische Geräte vor, erklärten, wie Technik funktioniert, sowie die naturwissenschaftlichen Gesetze dahinter. Die Gewinnerteams aus Regensburg, München und Sonthofen nahmen im Juli an zwei Entdeckertagen mit Preisverleihung teil. Weitere sieben Teams wurden mit Geldpreisen für ihre besonders kreativen Filme prämiert. Der Wettbewerb fördert sowohl die MINT-Bildung als auch die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen.

acatech Projekte 2017 im Themenfeld Technikkommunikation

Laufende Projekte  
Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien (Phase 2): Bedeutung, Chancen und Risiken der sozialen Medien (mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina) April 2015 - Juni 2017
Künstliche Fotosynthese: Forschungsstand, wissenschaftlich-technische Herausforderungen und Technikzukünfte Jan. 2016 - März 2018
Bewertungskriterien für die Technikwissenschaften und Berufungen in den Technikwissenschaften Juli 2016 - Dez. 2017
Technikkommunikation – Aktivitäten in Bayern Jan. 2014 - Dez. 2018
Lernwerkstatt Technikkommunikation Jan. 2014 - Dez. 2018